Heft 8 / Mai 2026 Meteorologisches Journal
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Wolken · 12 min

Cumulonimbus im Mai 2026 — die Gewitter-Saison

Die drei Cumulonimbus-Spezies calvus, capillatus und incus systematisch durchgegangen, mit Wachstums-Sequenz aus Cumulus congestus und Tropopausen-Begrenzung bei 11-13 km. Mai-2026-Bilanz aus drei DWD-Warn-Tagen mit CAPE-Werten aus den Radiosonden-Aufstiegen.

Mit dem aktuellen Heft 8 schließen wir die erste Hälfte der mitteleuropäischen Konvektions-Saison ab. Drei DWD-Warntage im Mai 2026 — der 8., der 14. und der 19. — haben uns reichlich Gelegenheit gegeben, die Cumulonimbus-Entwicklung über Süddeutschland systematisch zu dokumentieren. Wir nehmen das zum Anlass, die Spezies-Gliederung der Gattung nach dem WMO Cloud Atlas 2017 noch einmal sauber durchzugehen, weil in der Praxis-Beobachtung selbst erfahrene Sichter calvus und capillatus regelmäßig verwechseln.

Die Gattung Cumulonimbus in der WMO-Systematik

Cumulonimbus ist die einzige Wolkengattung, die alle drei Stockwerke der Troposphäre durchläuft. Die Wolkenbasis liegt in Mitteleuropa typischerweise zwischen 800 und 1.500 m AGL, im Hochsommer mit trockener Grenzschicht auch bei 2.000 bis 2.400 m AGL. Die Wolkenobergrenze stößt regelmäßig an die Tropopause, die in unseren Breiten je nach Jahreszeit zwischen 11 und 13 km Höhe liegt. Aus dieser massiven vertikalen Ausdehnung folgt die enorme energetische Wirksamkeit der Wolke — und folgerichtig auch die Notwendigkeit einer feineren Spezies-Klassifikation, weil zwischen einem gerade aufschießenden Turm und einem ausgereiften Amboss meteorologisch Welten liegen.

Der WMO Cloud Atlas 2017 erkennt für Cumulonimbus drei Spezies an, die ausschließlich die Form des Oberteils unterscheiden — die Basis ist in allen drei Fällen identisch dunkel, oft mit Mammatus oder Arcus.

Calvus — der noch undeutliche Amboss

Cumulonimbus calvus zeigt einen Oberteil, der bereits Vereisungs-Tendenz erkennen lässt, aber noch keinen klar ausgeprägten faserigen Amboss ausgebildet hat. Die Konturen wirken weicher, fast wattig, im Vergleich zur scharfen Kontur eines reinen Cumulus congestus aber bereits sichtbar verwaschen. Das ist die diagnostisch entscheidende Phase — calvus heißt „kahl”, weil der Eisamboss eben noch keine Cirrus-Haare hat. Wer im Feld unsicher ist: ein Telekonverter mit 200 mm Brennweite und ein scharfer Blick auf die obersten 500 m der Wolke reichen aus. Sieht der Turm noch wie eine Karfiol-Kuppel aus, ist es congestus; zeigen sich erste glatte, „abgeschmolzene” Übergangszonen, ist calvus erreicht.

Capillatus — der klar definierte Eisamboss

Cumulonimbus capillatus (von capillus, „Haar”) trägt einen vollständig vereisten Oberteil mit klarer Cirrus-Faserung. Der Amboss ist als faserige Eiswolke erkennbar, oft gestreckt in Richtung des Höhenwindes. Wenn der Amboss eine ausgeprägte horizontale Verbreiterung mit scharfer Unterkante zeigt, kommt die Subvariante incus dazu.

Incus — die ausgereifte Amboss-Form

Cumulonimbus capillatus incus ist die klassische Amboss-Wolke aus jedem Lehrbuch. Der Amboss entsteht durch das laterale Ausströmen unter der Tropopausen-Inversion — der Aufwind kann vertikal nicht mehr weiter, die Wolke breitet sich horizontal aus, oft über mehrere hundert Kilometer. Bei kräftigen Superzellen verformt sich der Amboss zum „back-sheared anvil”, der entgegen der Höhen-Strömung zurückfließt, ein klassisches Strong-Storm-Signal.

Die Wachstums-Sequenz

Der Weg vom unscheinbaren Schönwetter-Cumulus zum ausgereiften Cumulonimbus läuft in einer geordneten Sequenz ab, die jeder Hobby-Beobachter über einen Mai-Nachmittag verfolgen kann.

  1. Cumulus humilis entsteht in den ersten Stunden nach Sonnenaufgang über erwärmten Bodenflächen. Wolkenbasis bei 1.000-1.200 m AGL, vertikale Ausdehnung gering, breiter als hoch.
  2. Cumulus mediocris zeigt etwa gleich hohe und breite Konturen, beginnt nach oben zu wachsen.
  3. Cumulus congestus ist deutlich höher als breit, mit scharf abgegrenzter Kuppel-Form. In dieser Phase ist die Wolke noch vollständig flüssig — keine Vereisung, kein Niederschlag in dauerhafter Form.
  4. Cumulonimbus calvus beginnt mit der Vereisung des Oberteils, oft begleitet von den ersten Niederschlags-Streifen aus der Basis.
  5. Cumulonimbus capillatus mit fertigem Eisamboss schließt die Sequenz ab.

Die vertikale Wachstumsrate liegt bei kräftiger Labilität typischerweise bei 1.500 m/h. Das heißt — eine Wolkenbasis bei 1.200 m AGL und ein Amboss bei 12 km Höhe ergeben rund sieben Stunden Wachstumszeit vom ersten Cumulus humilis bis zum ausgereiften Cumulonimbus capillatus incus. In der Praxis sieht man diese Sequenz von 10:00 Uhr morgens bis zum Spät-Nachmittag-Maximum gegen 17:00 Uhr.

Mai 2026 — drei DWD-Warntage im Detail

Der 8. Mai 2026 brachte eine schwache Höhentrog-Lage mit Kaltluft-Vorstoß über Frankreich. Die Stuttgarter Vaisala-RS41-Radiosonde des 12-UTC-Aufstiegs zeigte CAPE-Werte von 1.180 J/kg bei einer Lifted-Index von -4,2. Über der Schwäbischen Alb entwickelten sich ab 14:00 Uhr klassische Pulse-Storms — einzelne, kurzlebige Zellen mit 30-40 min Lebensdauer und maximaler Hagelgröße um 15 mm. Die Wolkenobergrenze nach Radar-Echo-Top lag bei 10,5 km.

Der 14. Mai 2026 war der intensivste Tag. Ein Höhentief über der Biskaya schob eine markante Tiefdrucktrog-Achse nach Mitteleuropa. CAPE in Stuttgart 12 UTC: 2.140 J/kg, Lifted-Index -7,8, Windscherung in den unteren 6 km bei 22 m/s. Das ist klassisches Superzellen-Setup, und tatsächlich entwickelte sich südlich von Ulm eine rotierende Zelle mit überschießendem Top bei 13,2 km — also deutlich über der Tropopause hinaus. Hagelgrößen lokal bis 42 mm wurden gemeldet, der DWD gab Unwetter-Warnstufe 3 aus.

Der 19. Mai 2026 brachte eine Multizellen-Lage mit moderater CAPE (920 J/kg) aber günstiger Auslöse durch eine vorrückende Kaltfront. Über Bayern formierten sich am späten Nachmittag mehrere Zell-Cluster, die sich gegenseitig durch ihre Outflow-Boundaries triggerten — der klassische Multizellen-Modus.

Drei Konvektions-Modi

Die drei beobachteten Tage decken die drei meteorologisch relevanten Konvektions-Modi exemplarisch ab:

Pulse-Storm — Einzelzelle, niedrige bis moderate CAPE (500-1.200 J/kg), schwache Windscherung. Lebensdauer 30-45 min, geprägt durch den Zerfall der Zelle in ihren eigenen kühlen Outflow. Typisches Mai-Setup über kontinentaler Luftmasse mit schwacher synoptischer Forcierung.

Multizelle — Cluster aus mehreren Zellen unterschiedlichen Alters, moderate CAPE, moderate Scherung. Neue Zellen entstehen meist auf der gegen den Höhenwind orientierten Flanke. Lebensdauer des Gesamt-Systems oft mehrere Stunden, einzelne Zellen typisch 30-60 min.

Superzelle — rotierende Einzelzelle mit Mesozyklone, hohe CAPE (>1.500 J/kg), starke Windscherung (>20 m/s in den unteren 6 km). Lebensdauer mehrere Stunden, geringe Verlagerungsgeschwindigkeit, hohes Tornado- und Großhagel-Potenzial. Der 14. Mai war das Lehrbuch-Beispiel.

CAPE-Werte aus den Mai-Radiosonden im Detail

Die Stuttgarter und Bergener Vaisala-RS41-Aufstiege bilden in unserem Beobachtungs-Setup die Standard-Referenz für die süddeutsche und norddeutsche Konvektions-Lage. Die 12-UTC-Aufstiege liegen zeitlich günstig vor der Nachmittags-Auslöse und geben die thermodynamische Vor-Konditionierung verlässlich wieder.

Im Mai-Monatsmittel lag CAPE in Stuttgart bei 680 J/kg, in Bergen bei 410 J/kg. Das ist über dem langjährigen Mai-Mittel (Stuttgart 550 J/kg, Bergen 320 J/kg) und passt zu der überdurchschnittlich frühen Sommer-Witterung, die seit Anfang Mai die Mitteleuropa-Druckverteilung dominiert. Der höchste Einzelwert wurde am 14. Mai gemessen — die genannten 2.140 J/kg in Stuttgart entsprechen dem oberen 5-%-Perzentil der Stuttgarter Mai-CAPE-Klimatologie der vergangenen dreißig Jahre.

Beobachtungs-Hinweise für den Rest des Mai

Wer im Feld systematisch beobachten möchte, sollte besonders auf die Übergangs-Phasen achten — der Moment, in dem ein Cumulus congestus die ersten faserigen Strukturen am Oberteil zeigt, ist diagnostisch der wertvollste. Ein Foto-Intervall von 60 Sekunden über eine Stunde dokumentiert die Wachstums-Rate sauber, und der Vergleich mit der zeitgleichen Radarsignatur des DWD-Open-Data-Streams erlaubt eine direkte Validierung der Wolkenobergrenze.

Für die zweite Mai-Hälfte und den Frühsommer rechnen wir mit weiteren ähnlichen Lagen. Im Heft 9 nehmen wir uns die Mammatus-Strukturen vor, die am 14. Mai unter dem Ulmer Amboss spektakulär ausgeprägt waren.


Ressort: Wolken