Heft 8 / Mai 2026 Meteorologisches Journal
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Geschichte · 13 min

Luke Howard 1803 — die Klassifikation aller Wolken

Luke Howards Vortrag im Dezember 1802 vor der Askesian Society und seine vier lateinischen Grundbegriffe Cirrus, Cumulus, Stratus und Nimbus. Goethes Beschäftigung mit Howards System, die Aufnahme in den ersten International Cloud Atlas 1896 und die heutige WMO-Online-Klassifikation 2026 mit Asperitas als jüngster Erweiterung.

Jede Wolken-Beobachtung von heute geht auf einen Vortrag zurück, den ein 30-jähriger Londoner Apotheker im Dezember 1802 vor einem privaten naturwissenschaftlichen Diskussionszirkel gehalten hat. Luke Howard, Quäker, Autodidakt, Liebhaber der Pharmazie und der Meteorologie, hat in diesem Vortrag das geschafft, woran vor ihm Lamarck und andere gescheitert waren — er hat die Wolken in ein System gebracht, das funktioniert. Im aktuellen Heft 8 schauen wir uns die Geschichte dieses Systems an, von Howards erster Skizze bis zur digitalen WMO-Klassifikation, die in der Mai-2026-Version gerade frisch online gegangen ist.

Luke Howard, Apotheker in London

Luke Howard wurde 1772 in London geboren, in eine Quäker-Familie. Quäker hatten im England des späten 18. Jahrhunderts keinen Zugang zu Universitäten — die religiösen Test-Eide für Oxford und Cambridge verschlossen ihnen das akademische Karriere-System. Stattdessen lernten viele Quäker bei Privat-Lehrern und ergriffen freie Berufe. Howard ging mit 14 Jahren in die Apotheker-Lehre bei Ollive Sims in Stockport, später nach London, und betrieb ab 1796 eine eigene Apotheke im Stadtteil Plaistow.

Die Meteorologie kam zu Howard als Liebhaberei und blieb es lebenslang. Er führte über 60 Jahre lang ein tägliches Wetter-Tagebuch mit Barometer-, Thermometer- und Bedeckungs-Aufzeichnungen. Dieses Tagebuch — heute in der Bibliothek der Royal Meteorological Society in Reading — ist eine der längsten zusammenhängenden privat geführten Wetter-Reihen der frühen meteorologischen Geschichte.

Der Vortrag vor der Askesian Society

Die Askesian Society war ein informeller Diskussionszirkel naturwissenschaftlich interessierter Quäker und befreundeter Wissenschaftler in London, der zwischen 1796 und 1807 regelmäßig tagte. Mitglieder waren unter anderem William Allen (Chemiker), Richard Phillips (späterer Präsident der Chemical Society) und Howard selbst. Die Treffen fanden in privaten Räumen statt, Vorträge wurden gehalten, diskutiert und gelegentlich in den Fachzeitschriften der Zeit veröffentlicht.

Im Dezember 1802 trug Howard seinen Aufsatz über die Wolken-Klassifikation vor. Im Folge-Jahr erschien der Text in drei Teilen in Alexander Tillochs Philosophical Magazine unter dem Titel „On the Modifications of Clouds, and on the Principles of their Production, Suspension, and Destruction; being the Substance of an Essay read before the Askesian Society in the Session 1802-3”. Das war der Geburts-Akt der wissenschaftlichen Wolken-Klassifikation.

Die vier lateinischen Grundbegriffe

Howards entscheidende Idee war, lateinische Begriffe statt englischer oder deutscher Alltagswörter zu verwenden. Latein war die wissenschaftliche Lingua franca und garantierte die Übernahme in andere Sprachen. Linné hatte das in der Botanik vorgemacht, Howard wendete es auf die Atmosphäre an.

Cirrus — die Locke. Faserige Schleier in der Höhe, charakterisiert durch lange, zarte Streifen. Howard beschrieb sie als „parallel, flexuous or diverging fibres, extensible by increase in any or in all directions”. Heute kennen wir die Eis-Natur dieser Wolken, Howard wusste das noch nicht — er kannte aber ihre Form präzise.

Cumulus — der Haufen. Wattige, geschlossene Wolken mit deutlich abgegrenzter Form. Howard schrieb von „convex or conical heaps, increasing upward from a horizontal base”. Das ist die Karfiol-Kuppel, die jedes Kind als Wolke zeichnet.

Stratus — die Schicht. Horizontal ausgedehnte, flache Wolken-Lagen ohne erkennbare Struktur. „A widely extended, continuous, horizontal sheet, increasing from below upward”. Das deckt den heutigen Stratus und teilweise auch den Nebel ab.

Nimbus — der Regen. Howard verwendete diesen Begriff für die niederschlagende Wolke generell, ohne weitere strukturelle Differenzierung. „The rain cloud — a cloud or system of clouds from which rain is falling”. Später wurde Nimbus zu einer kombinierenden Vorsilbe (Nimbostratus, Cumulonimbus) und nicht mehr zu einer eigenständigen Gattung.

Aus diesen vier Grund-Begriffen leitete Howard sieben kombinierte Formen ab — Cirro-cumulus, Cirro-stratus, Cumulo-stratus und Cumulo-cirro-stratus oder Nimbus. Das war die erste systematische Wolken-Taxonomie überhaupt.

Goethe und Howards Klassifikation

Howards Aufsatz wurde 1815 auf Deutsch publiziert und erreichte Johann Wolfgang von Goethe in Weimar. Goethe, der sich seit den 1810er-Jahren intensiv mit Meteorologie beschäftigte, war begeistert. Er schrieb an Howard 1817 einen Brief mit der Bitte um biografische Auskünfte und arbeitete die Klassifikation in vier eigene Gedichte ein — „Stratus”, „Cumulus”, „Cirrus” und „Nimbus”, veröffentlicht 1820 in Zur Naturwissenschaft überhaupt.

Die Gedichte sind heute weniger als Howards System bekannt, aber sie haben einen interessanten Effekt gehabt — sie haben Howards Begriffe in den deutschen Bildungs-Diskurs gehoben und damit die Verbreitung im deutschsprachigen Raum erheblich beschleunigt. Goethes Wolken-Gedichte gehören noch im aktuellen Schul-Curriculum mancher Bundesländer zum Deutsch-Unterricht der Oberstufe.

Der erste International Cloud Atlas 1896

Im späten 19. Jahrhundert war Howards System zwar international anerkannt, aber jede meteorologische Schule benutzte etwas andere Sub-Klassifikationen. Auf dem Internationalen Meteorologen-Kongress in München 1891 wurde beschlossen, eine einheitliche Bild-Sammlung als Referenz herauszugeben. Drei Meteorologen übernahmen die Redaktion — der Schwede Hugo Hildebrand Hildebrandsson (Uppsala), der Schweizer Albert Riggenbach und der Franzose Léon Teisserenc de Bort.

Der International Cloud Atlas erschien 1896, enthielt 28 farbige Photographien und definierte zehn Gattungen — Cirrus, Cirrocumulus, Cirrostratus, Altocumulus, Altostratus, Stratocumulus, Stratus, Nimbus, Cumulus, Cumulonimbus. Das Schema mit zehn Gattungen, das wir heute noch verwenden, war damit etabliert.

Hildebrandsson hatte die ergänzenden Höhen-Stockwerke eingeführt — cirro- (hoch), alto- (mittel), keine Vorsilbe (tief). Riggenbach lieferte die Mehrzahl der Bilder aus seinen photographischen Beobachtungen vom Basler Wetter-Observatorium. Teisserenc de Bort, der spätere Entdecker der Stratosphäre, brachte die thermodynamische Perspektive ein.

Die WMO-Fassung 1956

Die zehnte Gattung — Nimbostratus — kam in der WMO-Fassung 1956 als eigenständige Gattung hinzu, nachdem in den 1930er-Jahren die Radio-Sonden-Aufstiege gezeigt hatten, dass die niederschlagenden mittelhohen Wolken eine deutlich andere thermodynamische Struktur haben als der eigentliche Cumulonimbus. Nimbus als reine Modifikation wurde aufgegeben, Nimbostratus wurde eigene Gattung.

Die WMO-Fassung 1956 etablierte auch das System der Spezies (capillatus, fibratus, calvus, …), der Varietäten (radiatus, undulatus, …) und der Begleitwolken (pannus, pileus, …). Das ist im Wesentlichen das System, das im WMO Cloud Atlas 2017 in einer überarbeiteten Form weiterhin gilt.

2017 — Asperitas als neue Unterart

In der WMO-Cloud-Atlas-Edition 2017 wurde mit Asperitas eine neue Unterart anerkannt — die wellig-wogend strukturierten Unterseiten von Stratocumulus oder Altocumulus, die seit den 2000er-Jahren von Hobby-Beobachtern photographisch dokumentiert worden waren. Der britische Cloud Appreciation Society-Gründer Gavin Pretor-Pinney hatte die Anerkennung über mehrere Jahre lobbyiert. Asperitas ist die erste seit 1953 neu anerkannte Wolken-Form in der WMO-Klassifikation — ein bemerkenswerter Vorgang in einer ansonsten sehr konservativen Disziplin.

Stand 2026 — die digitale WMO-Online-Klassifikation

Seit März 2026 ist die WMO-Cloud-Atlas-Plattform unter cloudatlas.wmo.int in einer komplett überarbeiteten digitalen Version online. Neu sind hochaufgelöste Beispiel-Photographien für jede Spezies und Varietät (ersetzen die bisherigen niedrig-aufgelösten Atlas-Tafeln), interaktive Filter nach Höhen-Stockwerk und Beobachtungs-Region, und ein KI-gestütztes Vorschlags-System, das aus eingereichten Photographien Klassifikations-Vorschläge generiert.

Die zugrundeliegende Taxonomie ist unverändert — zehn Gattungen, vierzehn Spezies, neun Varietäten, neun Begleitwolken und besondere Erscheinungen, alle aufgeschlüsselt in der WMO-eigenen Codierung. Was Luke Howard im Dezember 1802 in einem Londoner Wohnzimmer angeschoben hat, ist 224 Jahre später eine globale digitale Infrastruktur. Die Cirrus, der Cumulus und der Stratus aus dem Original-Aufsatz stehen auch in der Mai-2026-Version unverändert an erster Stelle.


Ressort: Geschichte