22°-Halo — die atmosphärische Optik im Mai
Hexagonale Eiskristalle in Cirrostratus zwischen 6 und 8 km Höhe, Mindest-Refraktionswinkel von 21,7° für rot bis 22,5° für violett, die rot-innen-blau-außen-Farbfolge und der Vorhersage-Wert von 12 bis 36 Stunden vor einer warmen Wetterfront. Mai-Bilanz mit vier Halo-Sichtungen über Mitteleuropa.
Atmosphärische Optik ist die unaufgeregteste Disziplin der Meteorologie — sie braucht keine Modell-Rechnung, keine Sonde, keinen Radar. Sie braucht nur einen Blick nach oben zur richtigen Zeit. Und sie liefert ein erstaunlich verlässliches Vorhersage-Signal, das jede Wettervorhersage-App heute noch ignoriert. Das 22°-Halo ist die Standard-Erscheinung dieser Disziplin, das häufigste atmosphärische Optik-Phänomen, und es hat im aktuellen Mai 2026 über Mitteleuropa erfreuliche viermalige Sichtung gehabt.
Die Geometrie — warum 22°?
Das 22°-Halo entsteht, wenn Sonnenlicht durch hexagonale Eiskristalle gebrochen wird. Die Eiskristalle haben die Form von Sechseck-Säulen oder Sechseck-Plättchen, und ihre Seitenflächen treffen sich in einem 60°-Prismenwinkel. Trifft ein Lichtstrahl auf eine Seitenfläche, wird er beim Eintritt gebrochen, durchläuft den Kristall, wird an einer anderen Seitenfläche ausgespiegelt und beim Austritt erneut gebrochen. Die Gesamt-Ablenkung hängt vom Einfallswinkel ab — aber es gibt einen geometrischen Mindest-Wert, unter den die Ablenkung nicht fallen kann.
Dieser Mindest-Ablenkungswinkel liegt für sichtbares Licht bei Eis je nach Wellenlänge zwischen 21,7° (rot, 650 nm) und 22,5° (violett, 405 nm). Die Konsequenz: Es kann kein Licht aus einem Winkel unter 21,7° gegen die Sonne kommen — innen vom Halo bleibt der Himmel dunkler als außen. Und weil rot weniger stark gebrochen wird als violett, erscheint rot innen und blau außen.
Das ist genau die umgekehrte Farbfolge wie beim Regenbogen, wo rot außen liegt. Wer Halo und Regenbogen verwechselt, ist im falschen Optik-Kapitel.
Die Wolke — Cirrostratus zwischen 6 und 8 km
Damit ein 22°-Halo überhaupt entstehen kann, braucht es Eiskristalle in der Atmosphäre. Cirrostratus ist die ideale Wolkengattung — eine durchscheinende, oft fast unsichtbare Eis-Wolken-Schicht in 6 bis 8 km Höhe. Die Tropopausen-Region ist kalt genug (oft unter -40°C), dass Wassertropfen sofort gefrieren, und die Kristall-Größe liegt im Bereich, in dem die optische Wirkung am stärksten ist.
Wer Cirrostratus erkennen will: der Himmel wirkt wie ein leichter, milchiger Schleier, die Sonnen-Kontur ist noch klar erkennbar, aber der Himmel zeigt nicht mehr das tiefe Blau eines wolkenfreien Tages. Bei dichteren Cirrostratus wird die Halo-Ausprägung paradoxerweise schwächer — zu viele Mehrfach-Streuungen verwischen das Maximum. Optimal ist die mittlere Schicht-Dicke.
Die Begleiterscheinungen — Nebensonnen, Berührungsbogen, Parry-Bogen
Das einfache 22°-Halo ist nur der Anfang. Bei optimaler Kristall-Orientierung entstehen eine ganze Reihe weiterer Halo-Phänomene, die sich am 22°-Ring entlang anordnen.
Nebensonnen (Parhelia) erscheinen genau auf der Höhe der Sonne, bei 22° + dem aktuellen Sonnen-Höhenwinkel. Sie entstehen durch horizontal schwebende hexagonale Plättchen-Kristalle, die das Licht nicht in alle Richtungen, sondern bevorzugt links und rechts der Sonne ablenken. Hellste Form bei niedrigem Sonnenstand (10-30°), schwächer bei hoher Sonne.
Oberer Berührungsbogen sitzt direkt auf dem 22°-Ring oben über der Sonne. Bei hoher Sonne wird er zum „Umschriebenen Halo” (circumscribed halo), bei niedriger Sonne zum nach oben offenen Bogen. Er entsteht durch hexagonale Säulen-Kristalle mit horizontaler Längsachse.
Parry-Bogen ist die seltenste der genannten Erscheinungen — ein flacher Bogen direkt über dem oberen Berührungsbogen, der zusätzlich eine bestimmte Rotations-Orientierung der Säulen-Kristalle voraussetzt. Pro Jahr in Mitteleuropa typischerweise 5-10 dokumentierte Sichtungen.
Der Vorhersage-Wert
Das 22°-Halo ist nicht nur ein optisches Schauspiel — es ist ein meteorologisch belastbares Vorhersage-Signal. Cirrostratus erscheint typischerweise als erste Wolken-Schicht im Vorfeld einer warmen Wetterfront. Der warme Luftkörper schiebt sich keilförmig über die kältere Luftmasse, und die feuchte Luft kondensiert in immer tieferen Schichten — beginnend mit Cirrus und Cirrostratus in 8 km Höhe.
Zwischen dem ersten 22°-Halo und dem Eintreffen der eigentlichen Frontal-Niederschläge liegen in Mitteleuropa typischerweise 12 bis 36 Stunden. Wer das Halo sieht und gleichzeitig den Luftdruck-Trend prüft (fallender Trend bei ECMWF-Sonderlauf, abnehmender Bedeckungs-Trend bestätigt), kann mit hoher Sicherheit auf eine durchziehende Warmfront in den kommenden 24 Stunden setzen.
Die Bauern-Weisheit „Hat die Sonne einen Hof, gibt es Regen” ist also nicht Volks-Aberglaube, sondern eine empirische Regel, die der mitteleuropäischen Front-Klimatologie sauber entspricht. Was die Bauern-Weisheit nicht sagt: bei strikt antizyklonaler Lage (stabiles Hoch) kann auch ein Halo ohne Wetter-Umschwung erscheinen, wenn isolierter Cirrostratus aus weit entfernten Quellen advektiert wird. Das passiert in Mitteleuropa in etwa 15-20 % der Halo-Tage.
Mai-2026-Beobachtungen
Im aktuellen Mai haben wir aus dem Heft-Beobachter-Netzwerk vier dokumentierte Halo-Sichtungen über Mitteleuropa verzeichnet — knapp über dem klimatologischen Mittel von 3-5 Halos pro Monat.
3. Mai, 14:30 UTC — schwaches 22°-Halo über Bremen, zusätzlich zwei sehr schwache Nebensonnen. Drei Tage später, am 6. Mai, durchquerte eine Warmfront den Norden mit ergiebigem Regen.
11. Mai, 11:00 UTC — kräftiges 22°-Halo mit deutlichem oberen Berührungsbogen über Frankfurt. Die Aufnahme im Heft auf Seite 14 zeigt das gut. 18 Stunden später setzte über Hessen leichter Niederschlag aus der zugehörigen Front ein.
17. Mai, 09:15 UTC — vollständiges 22°-Halo über München, beide Nebensonnen sichtbar, kein Berührungsbogen. Hier blieb der erwartete Wetter-Umschwung aus — die Cirrostratus wurde durch eine schwache Druck-Welle weitergetragen, ohne dass eine Front-Passage folgte. Klassischer Falsch-Alarm-Fall, in der oben genannten 15-20-%-Klasse.
22. Mai, 13:45 UTC — sehr kurz sichtbares 22°-Halo über Hamburg, nur etwa 20 Minuten, dann verdichtete sich die Cirrostratus zu Altostratus und das Halo verschwand. Niederschlag setzte zehn Stunden später ein.
Praxis-Hinweise für die Beobachtung
Wer Halos systematisch beobachten möchte, sollte sich angewöhnen, mehrmals täglich (besonders Vormittag und früher Nachmittag) einen schnellen Blick zur Sonne zu werfen — natürlich mit der Hand oder einem Pfosten als Sonnen-Blocker. Das Halo ist um die Sonne herum, nicht in ihr.
Für die Foto-Dokumentation eignet sich ein Weitwinkel-Objektiv (24 mm oder weiter an Vollformat), Blende 8, ISO 100, Belichtungszeit etwa 1/250 s bei Sonnen-Blocker im Bild. Wer mit Smartphone fotografiert, sollte die Sonne hinter eine Hausecke setzen — das HDR-Modus moderner Smartphones bekommt sonst keinen brauchbaren Kontrast hin.
Häufigkeit in Mitteleuropa — die klimatologische Größenordnung
Die langjährige Halo-Statistik des deutschen Arbeitskreises Meteore aus dem Zeitraum 1985-2020 weist für Mitteleuropa eine mittlere Häufigkeit von 42 bis 58 Halo-Tagen pro Jahr aus, mit erheblichen Schwankungen je nach Beobachtungs-Standort und Engagement des Beobachters. Über alle Erscheinungs-Formen — also nicht nur das 22°-Halo, sondern auch Nebensonnen, Berührungsbögen, Zirkumhorizontal-Bogen, Lichtsäulen und so weiter — liegt die theoretische Obergrenze für einen fleißigen Vollzeit-Beobachter bei etwa 120 Tagen mit mindestens einer Halo-Erscheinung pro Jahr.
Das 22°-Halo allein macht dabei rund 60-70 % aller Sichtungen aus, ist also die mit Abstand häufigste Form. Die Mai-bis-September-Periode ist marginal halo-ärmer als der Winter, weil in den Sommermonaten die Cirrostratus-Bedeckung im Mittel etwas niedriger liegt — die Warmfronten ziehen flacher und mit weniger ausgedehnter Vorlauf-Bewölkung durch.
Im Heft 9 nehmen wir uns die seltener vorkommenden 46°-Halos und die zugehörigen Kristall-Orientierungen vor. Wer im Juni eine Sichtung hat, gerne an die Redaktion melden.